UTMB 2017 4


Ultratrail du Mont Blanc 2017 – 167,7 km Trailrunning

8 Jahre ist es inzwischen her, dass ich in Japan eine Dokumentation über den Ultratrail du Mont Blanc, kurz UTMB, gesehen habe. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie mich die Reportage in ihren Bann gezogen hat und mir auch Jahre später immer wieder durch den Kopf gegangen ist. Ein konkrete Absicht hatte ich aber lange nicht, in Chamonix selbst an den Start zu treten.

Durch die Qualifikationspunkte, die ich beim Zugspitz Ultratrail und beim AlpenX100 gesammelt habe waren die Voraussetzungen für die Anmeldung erfüllt. Dass es gleich beim ersten Mal mit einem Startplatz klappt – damit hab ich eigentlich gar nicht gerechnet. Doch dieses mal war das Losglück gleich auf meiner Seite. So war ich dann am ersten Septemberwochenende 2017 einer der ca 2.500 Starter, die sich im Herzen von Chamonix hinter dem gigantischen Start und Zielbogen des Ultratrail du Mont Blanc einreihen durfte, um das Abenteuer Ultratrail du Mont Blanc bestreiten.

UTMB Strecke

Die Strecke des UTMB hat es in sich. Auf den 171 km müssen ca. 10.000 Höhenmeter bewältigt werden (in 2017 wurden aufgrund des schlechten Wetters ein paar kleine Modifikationen an der Strecke vorgenommen). Für den Rundkurs hat man maximal 46:30 h Zeit. Den Streckenverlauf seht ihr sehr schön animiert im Video des Veranstalters:

Mein UTMB Laufbericht

Was ich auf dem Abenteuer rund um den höchsten Berg Europas erlebt habe könnt ihr jetzt lesen.

Der lange Weg zur Startnummer

Normalerweise ist es ja ziemlich unspektakulär über die Startnummernausgabe zu berichten – nicht so beim UTMB – denn dort war es eine ganz neue Erfahrung und man merkte sofort, dass der Veranstalter alles perfektioniert hatte.

Wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen bekam man nach Vorlage seines Personalausweises eine Checkliste ausgedruckt. Auf der Checkliste wurden (wohl per Zufallsgenerator) schon einige Gegenstände ausgewählt die man bei der nächsten Station vorzeigen musste.

Dafür musste der Inhalt des Rucksacks mit der Pflichtausrüstung auf ein Tablett ausgebreitet werden.

Nachdem ich dort durch war, musste ich “beweisen”, dass ich die ganze Ausrüstung auch wieder in meinem Rucksack unterbringen konnte. Jetzt wurde mir auch meine Tasche mit den Startunterlagen ausgehändigt.

Next Stop: Mein Trailrucksack wurde mit meiner Startnummer getaggt, denn im Rennverlauf war es verboten den Rucksack zu tauschen. Also gleiches Recht für alle.

Und weiter ging es in dem Labyrinth zur nächsten Station. Hier bekam ich nur zwei Plastiktüten ausgehändigt. Erst später sah ich, dass diese Beutel speziell für Toilettenpapier gedacht waren.

Raceday

13:30 Uhr – Spätes Mittagessen oder Private Pasta Party im Le Bartavel, nachdem ich meinen Drop-Bag für Courmayeur in der Turnhalle abgegeben hatte. 1 x Spaghetti Pomodoro, kann man nichts falsch machen. Das Lokal war direkt an der Strecke, dort wo ich mir ein paar Stunden später meinen Weg aus der Stadt bahnen sollte. Schon jetzt war jede Menge los – bis unter die Zähne bewaffnete Trailrunner zogen nervös an uns vorbei.

Nur noch wenige Stunden bis zum Start

14:30 Uhr – Rückzug. Ich ging zurück zum Van. Ziele hatte ich nur 2: Zehn Minuten Powernap und die Kleidungsfrage klären. Es sind zwar keine 10 Minuten geworden, aber ich war zumindest kurzzeitig weggeknickt. Also bestens. Kleidung: Habe mich für ¾ Hose + Calves mit kurzem Unterhemd & Laufshirt + Armlinge + Weste entschieden. Das war im Nachhinein gesehen auch die richtige Auswahl. Dann noch schön Füße und alle anderen potenziellen Scheuerstellen mit Hirschtalg (Xenofit) eingecremt und final noch kurz Equipmentliste durchgegangen ob ich wohl auch alles wirklich dabei hatte.

 

16:35 Uhr – Aufgeregte SMS von Jochen. Wie weit ich wohl sei und am Start (Platz Triangle von l’Amitié) sei schon die Hölle los. Kurze Antwort: “Bin gleich da” – War ja auch schon fast startklar.

 

16:50 Ich komme in den Startbereich – schon wirklich jede Menge Läufer versammelt – dazwischen tummelt sich Personal vom UTMB die abermals Stichkontrollen von den Laufrucksäcken machen. Ich zumindest muss den Inhalt meines Rucksacks nicht zeigen und komme um eine Kontrolle herum.

Knapp 2 Stunden vor dem Start ist das Startareal schon dicht besetzt.

Ich treffe Bart und Jochen. Sie zeigen mir die Stelle wo sich Basilia schon “niedergelassen” hat und meinten, da sei noch Platz genug für mich frei. Ich bahne mir meinen Weg durch die am Boden sitzenden Trailrunner-Grüppchen und freue mich, dass mir Jochen ein Sitzkissen mitgegeben hatte. Es waren ja immerhin noch 1:45 Stunden bis zum Start.

UTMB Smalltalk mit Basilia

Das hat nochmals die Zeit vom Transvulcania getoppt, wo wir eine Stunde zuvor schon an der Startlinie standen. Das Wetter hielt noch – aber das kann sich hier in den Bergen bekanntlich schnell ändern.

Ahhh… ich hatte noch den Autoschlüssel bei mir. Wäre doof wenn ich ihn auf der Strecke mit dabei hätte… Also Jochen und Bart (im weiteren Verlauf als J&B abgekürzt) kontaktieren und kurze Zeit später fand der Schlüssel den Weg zu Bart.

Dichtes Gedränge im Starbereich des UTMB

Im Startblock wurde es immer dichter. In unserer Ecke saßen aber noch viele Teilnehmer und schonten wie auch ich Ihre Kräfte für die kommenden Stunden. Doch die Moderatoren heizten schon richtig ein. Schon jetzt war die Stimmung am Siedepunkt. Als letztendlich die Profiläufer ihren Platz im Profi-Startblock eingenommen hatten durfte das Teilnehmerfeld von hinten aufrücken.

18:30 Start

Die ausgelassene Stimmung tausender ausgelassener Fans aus allen Herren Länder steckte an. Wir wurden förmlich aus der Stadt durch die engen Gassen von Chamonix herausgetragen. Ein Meer von Händen, Kameras, Smartphones, Fahnen, und aus jeder Ecke schallte es “Allez – allez”. Was für ein Erlebnis. Schon alleine deswegen hat sich die Teilnahme gelohnt.

Video vom Start des UTMB 2017

Video vom Start des UTMB 2017

Wenig später registrierte ich auch schon den Helikopter über uns kreisen, der Luftaufnahmen vom Rennen machte da es komplett live übertragen wurde. Ein Gefühl als ob man mitten bei der Tour de France dabei ist. Einfach der Hammer. Und die Menschenkette die den Wegesrand säumte hörte und hörte nicht auf. Nach ein paar Minuten habe ich dann doch meine GoPro wieder ausgestellt und habe mich aufs Laufen konzentriert. Das Abenteuer begann!

Auf nach Les Houches

Die Strecke um den Mont Blanc führte gegen den Uhrzeigersinn. Die ersten 7,9 km bis zur ersten Verpflegung verliefen relativ flach mit ein paar kleinen Wellen bis nach Les Houches. Zeit um in den Körper hineinzuhören, ob alles gut ist. Ich war guter Dinge und versuchte vom Puls her nicht zu hoch zu kommen, denn die Euphorie der anderen Teilnehmer verleitet sonst schnell zu einem zu schnellen Start ins Rennen. Als der Trail mich wieder ausspuckte ging es über eine Brücke über die Schnellstraße und die darunter fahrenden Autos hupten uns Läufern zu, obwohl sie eigentlich nicht viel von uns sehen konnten. Wahnsinn.

Oben in der Ortschaft angekommen erster Kontaktpunkt mit J&B. Ich war gut drauf. Stimmung super. Wetter hielt auch. In Les Houches kurz die Flaschen wieder aufgefüllt und schon begann der erste längere Anstieg hoch nach Les Delevret.

Ausgelassene Stimmung in Les Houches

 

Dunkelheit, Nebel und ein falscher Schritt

Der nächste Anstieg führte auf meist breiten Forst- und Waldwegen hinauf nach Les Delevret. 740 hm ging es hoch. Das Teilnehmerfeld ordnete sich, alles wurde ruhiger. Die Wolken hingen tief im Berg drinnen und machten alles etwas dunkler und grauer. Viele der Läufer die ich jetzt um mich sah, sollte ich später öfters wiedersehen.

Bessere Sicht mit der Schönwetterbrille

Kurz nachdem ich den höchsten Punkt vor Saint Gervais erreicht hatte wurde es so dunkel, dass ich meine Stirnlampe aus dem Rucksack kramen musste. “Hell erleuchtet” ging es dann über kleine und teils sehr steile Wiesentrails hinab. Das Gras stand hoch und es war zum Teil sehr neblig was die Sichtweite etwas einschränkte. Dennoch war das Gefühl gut, den ersten Anstieg gemeistert zu haben und so ging ich es bergab etwas sportlicher an und ließ es laufen. Ich machte Platz für Platz gut und sah schon langsam die Lichter von Saint Gervais, wo die nächste Verpflegung auf mich wartete.

Der Weg war eigentlich gut zu laufen, nur zum Teil etwas steinig. Und da passierte es. Ich knickte so richtig schön um. AUTSCH. Das war nicht gut. Trotzdem habe ich nicht angehalten und versucht, locker weiterzulaufen. Denn oft hat sich bei solchen Fehltritten alles wieder von selbst reguliert. Ich hatte inzwischen schon einige Höhenmeter nach unten hinter mir gelassen und der Weg führte uns über Straßen in die Ortschaft hinein.

Die Stimmung war wieder grandios. An der Verpflegung versorgte ich mich kurz mit dem Nötigsten und nahm frohen Mutes wieder Geschwindigkeit auf. Am Ausgang der Verpflegung warteten auch wieder J&B auf mich und feuerten mich wie die vielen anderen Fans frenetisch an.

Up & Down nach Les Contamines

Auf den nächsten Kilometern passierte eigentlich wenig Spannendes. Aufgefallen sind mir nur ein paar junge Leute, die mitten im Wald sämtliche Laufschuhmarken aller Läufer erfassten. Einer rief laut die Namen, die anderen schrieben fleißig mit. Ich lief übrigens mit La Sportiva Akasha – eine wirklich gute Wahl für diesen Lauf. Ansonsten bleibt mir von den 10 km bis zur nächsten Verpflegung nur in Erinnerung, dass viele laufbare Flachpassagen enthalten waren. Es dauerte (zumindest gefühlt) nicht allzu lange bis ich die nächste Verpflegung in Les Contamines bei KM 31,2 erreichte. Auch hier waren J&B wieder vertreten. Kurzer Austausch & Bild und schon ging es auf flachen, einfach zu laufenden Wegen nach Notre Dame de la George.

Und wieder hinaus in die Nacht…

Endloser Anstieg, Regen und Kälte

Notre Dame de la George war anders als die anderen Check-Points. Laute Heavy Metal Musik dröhnte aus den Lautsprechern, die Felswände und ein Wasserfall waren schön ausgeleuchtet. Dazu waren die ersten paar hundert Meter hinauf Richtung La Balme mit Öllampen auf beiden Seiten bestückt.

Es begann nun kräftiger zu regnen. Da es mir nicht mehr so richtig warm war beschloss ich kurz Halt zu machen und mich umzuziehen. Ich tauschte meine feuchte Kleidung gegen ein warmes, langes Skiunterhemd und zog darüber meine Regenjacke. Was für ein gutes Gefühl. Ich fühlte mich gut gerüstet für die Nacht und den kommenden Anstieg. Bis zum nächsten Verpflegung nach La Balme waren es nur noch 300 hm. Dort gab es wie auch zuvor wieder heiße Nudelsuppe, Obst etc. Ich hielt mich auch hier nicht lange auf, da es schon relativ frisch geworden war. Nun wurde der Weg technischer. Kleine Trails zogen sich nach oben, ein Ende der Strecke war nicht auszumachen. Schwer für den Kopf. Als ich dachte, ich hätte den “Refuge du la Croix du Bonhomme” erreicht, ging es wieder ein Stück nach oben. Aber so ist das manchmal bei diesen Läufen. Komplett einprägen tue ich mir dann das Streckenprofil dann doch nicht. Nach einiger Zeit hatte ich dann die 800 hm von La Balme dann doch gemeistert und ging den Downhill an. Hier merkte ich, dass das Umknicken mir doch noch Schmerzen bereitete und war daher auch etwas vorsichtig auf den technischen Trails unterwegs. Als es weiter unten dann etwas flacher wurde, konnte ich es endlich wieder laufen lassen und einige meiner Mitläufer wieder einholen.

 

Handy und Rettungsdecke bitte!

Ich hatte die fünfte von 16 Verpflegungsstationen erreicht! Doch bevor ich mich am Läuferbuffet bedienen konnte, musste ich beim Ausrüstungscheck meine Rettungsdecke und mein Telefon dem UTMB Personal zeigen.

 

Die Verpflegung an sich war in einem beheizten Zelt, wo viele der Läufer nochmals vor dem kommenden Streckenabschnitt Energie tanken wollten, denn von hier aus ging es wieder hoch hinauf. Meine Pause war wie schon zuvor relativ kurz. Suppe + Obst + Apfelkompott und ich machte mich nach einem kurzen Gespräch mit J&B auch wieder auf den Kurs.

Der erste Schnee

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, führte mich eine geradlinige Teerstraße hinaus in die Nacht. Müdigkeit überkam mich. Ich nutzte das asphaltierte Stück um meine Augen beim Laufen zu schließen. Zwischendurch blickte ich immer wieder kurz auf um mich zu vergewissern, nicht vom Weg abzukommen. Das Spiel konnte ich jedoch nicht lange machen, denn schon bald bogen wir rechts auf einen Trail ab. Von da an war wieder volle Aufmerksamkeit gefragt. Ein Blick nach oben zeigte mir den Weg den ich noch zu gehen hatte. Die Müdigkeit machte mir sehr zu schaffen und so entschloss ich mich für eine Koffeintablette, die ich in meinem Rucksack mit mir führte. Um mich zusätzlich wach zu halten begann ich eine Konversation mit einem Japaner, der auf gleicher Höhe mit mir lief. War ein lustiges und interessantes Gespräch und die Zeit verging. Nach einigen Minuten begann auch das Koffein seine Wirkung zu entfalten und setzte neue Energie in meinem Körper frei. Von da an war ich es, der bergauf bis zum Col de la Seigne Läufer für Läufer überholte. Auch das einsetzende Schneetreiben hat mir nichts ausgemacht. Serpentine um Serpentine ging es nach oben und die Wiesen waren schon mit einer dünnen Schneeschicht überzogen.

Let it ROLL

Die nächsten Kilometer vom Col de la Seigne hinab zum Lac Combal waren sehr gut laufbar. Das lag auch daran, dass die Rennleitung aufgrund der schwierigen Wetterverhältnisse den Col des Pyramides Calcaires aus dem Programm genommen hat. Anfangs waren es noch kurvige Trails, dann ging es aber im flotten Tempo auf meist breiten Wegen hinab und auch hier konnte ich einiges an Plätzen gut machen. Mein Stopp an der U6 (Lac Combal) war auch nur von kurzer Dauer und ich traf hier auf die erste deutsche Frau, Lisa Mehl (Team Gore). Von da an wurde es zunächst flach und ich nahm den Lac Combal, an dem ich gerade vorbei lief, gar nicht wahr. So ging es dann noch ein paar Minuten unspektakulär dahin bis mich der letzte Anstieg vor Courmayeur erwartete.

Die Nacht war geschafft – für einige Trailrunner ein Anlass für eine kurze Pause

Sunrise am Mont Blanc

Beeindruckender kann ein Sonnenaufgang kaum sein, wenn das Massiv des Mont Blancs langsam von der Dunkelheit freigegeben wird und die ersten Sonnenstrahlen die verschneiten Gipfel in ein kräftiges Orange tauchen. Viel Zeit jedoch sich das Farbenspiel anzuschauen hatte ich nicht, denn meine Aufmerksamkeit war in der Regel auf den Trail vor mir gerichtet. Es hat nicht lange gedauert die U7 zu erreichen (Col Checrouit).

 

Die wohl 4 fiesesten UTMB-Kilometer

Beim Col Checrouit war das Buffet zwar angerichtet, ich habe aber keine Notwendigkeit gesehen, groß anzuhalten da mich ja “nur” noch 4 Kilometer und ein paar Höhenmeter von der großen Verpflegung in Courmayeur trennten. Daher habe ich mein Downhilltempo beibehalten und habe mich an die knapp 800 negativen Höhenmeter gemacht. Anfangs ging es ja noch recht gut, der Weg war breit und ich konnte es laufen lassen. Dann begannen jedoch die Singletrails mit hohen Stufen und ich musste Vernunft walten lassen um meine Beine nicht mit allzu großem Schaden ins Tal zu bringen. So leicht wie gedacht war das aber gar nicht. Zum einen waren um mich herum viele starke Läufer, die es bergab krachen ließen und auf der anderen Seite konnte man auch nichts gegen diese hohen Stufen machen, ohne groß Geschwindigkeit zu verlieren. Die Belastung auf die Oberschenkel war extrem. Ich sehnte das Ende dieses Trails herbei, doch es dauerte eine Weile bis ich die ersten Häuser von Courmayeur erreichte. Von da an ging es durch die Gassen der Stadt bis hin zum Stadion.

Mit dem Drop Bag ging es ab in die Sporthalle

Courmayeur – Pasta zum Frühstück?

Beim Eintreffen der Verpflegung hatte ich inzwischen 80 km und etwa 4.400 hm in den Beinen. Also schon die Hälfte der Höhenmeter und fast die Hälfte der Strecke waren geschafft. In meiner ursprünglichen Planung hatte ich hier einen zehn minütigen Powernap geplant. Da ich mich jedoch gut und frisch fühlte beschloss ich mich gegen die Schlafpause. Auch die Nudeln an der Essensausgabe machten mich nicht wirklich an. So tauschte ich mein warmes Outfit gegen kurze Hose und Laufshirt und machte mich nach mich kurz darauf auch schon wieder auf den Weg.

UTMB – Teil II

Nachdem ich die Verpflegung verlassen hatte, fühlte sich irgendwie alles anders an. Zum einen merkte ich, dass mein sommerliches Outfit schon “sehr gewagt” war und ich zumindest anfangs noch leicht fröstelte. Aber auf der Strecke war auch gefühlt viel weniger los. Ich hatte durch meinen relativ kurzen Halt gut 80 Plätze gutgemacht.

Um 8 Uhr in Courmayeur

Anfangs ging es über Straßen bis zum Ende der Stadt bis ich endlich wieder Trails unter den Füßen hatte. Schritt für Schritt ging es langsam nach oben bis zum Refuge Bertone. Hier sah ich auch das zweite Mal in dem Rennen Lisa und überholte sie wie auch ein paar andere Läufer auf diesem Anstieg.

 

UTMB-Höhenweg mit Panoramablick

Ich war jetzt auf 2.000 Meter über Meeresspiegel angekommen und es war daher relativ kühl aber noch auszuhalten. Der Blick auf das Mont Blanc Massiv war von hier oben besonders faszinierend. Der Trail, dem ich jetzt folgte war wirklich schön zu laufen. Es ging immer leicht auf und ab und kurze Anstiege bremsten mich immer wieder ab. In diesem Stil ging es dann weiter bis zu Refuge Bonatti (weitere Verpflegung des UTMB). Es hätte alles so schön sein können wenn ich mich nicht an meinem Startnummernband meinen Rücken aufgerieben hätte. Jeder Schritt – speziell in der Ebene und bergab schmerzte sehr, als der Rucksack auf die wunde Stelle am Rücken drückte. Das drückte sich bei mir auch auf die Stimmung und ich versuchte das Startnummernband mit Sicherheitsnadeln, die ich sicherheitshalber eingepackt hatte zu fixieren. Das hat zwar das Band unten gehalten, hat aber nicht gegen die Schmerzen geholfen.

 

Auch das Wetter verschlechterte sich zunehmends. Das Ta,l in das der Weg führte, war mit dunklen Wolken verhangen und alles deutete auf eine neue Portion Regen hin. So kam es dann auch. Anfangs zog ich nur die Regenjacke über und nachdem es angefangen hatte zu schneien zog ich auch noch die Regenhose über. Damit fühlte ich mich dann auch wesentlich komfortabler und gut geschützt. Ich kämpfte mich also die nächsten Kilometer über die Trails und sehnte mich der nächsten Verpflegung entgegen.

 

Die Sanitäter von Arnouvaz

Die letzten Meter vor der Verpflegung

J&B warteten schon am Eingang der Verpflegung von Arnouvaz (U11) auf mich. Ich berichtete kurz von meinem Rückenproblem und suchte dann das Zelt der Sanitäter auf. Dort bat ich um ein Tape über die verletzte Stelle. Nachdem sie die Wunde mit einer Creme eingeschmiert hatten und ein XXL Tape darüber angebracht hatten machte ich mich nach einem kurzen Aufenthalt im beheizten Zelt auf den Weg Richtung Schweiz. Um an die Landesgrenze zu kommen fehlte mir nur noch ein Berg. War für den Kopf schon irgendwie gut zu wissen, dass man Italien auf der UTMB-Strecke bald hinter sich lassen wird.

Eisiger Kampf am Grand Col Ferret

Die nächsten Kilometer taten weh – so richtig weh. ´Die Steigung war brutal und das Wetter mehr als ungemütlich.

Schnee und Kälte begleiteten mich an diesem Berg und das Ende des Anstiegs konnte man erst ganz am Schluss erkennen. Ich war sehr froh, es nach gefühlten Ewigkeiten nach oben geschafft zu haben und wollte die vereiste Landschaft kurz mit meinem Telefon festhalten.

Als ich ein paar Bilder gemacht hatte zog ich auch schnell weiter da ich am Col Ferret sehr schnell auskühlte. Also Handy zurück in die Rucksacktasche und ab Richtung Tal. Ich war nur etwa 200 Meter gelaufen, als ein Supporter der hier oben bei den eisigen Temperaturen verharrte mir nachlief, mein Handy in der Hand hielt und fragte ob es meins sei. Ich bejahte und war sehr froh und dankbar gleichzeitig aber auch sehr verwundert wie ich es verloren haben könnte. Später stellte sich heraus, dass der Reißverschluss meines Rucksacks kaputt gegangen ist.

 

 

 

Bergab und trotzdem am Limit

Die folgenden Kilometer waren für mich sehr hart. Ich hatte kaum Kraft zu laufen und wäre viel lieber ein Stück gegangen. Aber aufgrund des schlechten Wetters wollte ich unbedingt schnell unten im Tal sein. Ich schloss mich daher also einer Gruppe an, die ein gut machbares Tempo lief und tat alles dafür, dran zu bleiben. Ein schmaler Trail zog sich am Berg dahin und ich musste immer wieder kurze Anstiege meistern. Doch mit der Zeit kam ich dem Tal immer näher. Unten angekommen waren es immer noch ein paar Kilometer bis zur nächsten Verpflegung “La Fouly” bei KM 109.

 

Der Stop hier war unspektakulär. Nur kurz setzte ich mich auf eine Bank und gönnte meinen Beinen eine kurze Pause. Ich war einfach fertig – aber immer noch lagen 60 km und ein paar Berge vor mir. Auf den nächsten ca. 3 km “gönnte” ich mir eine Gehpause. Ich ging zügig die asphaltierten Straßen entlang und wurde immer wieder von ein paar Läufern überholt. Das Gehen tat gut. Langsam spürte ich auch die Kraft wieder zurückkommen. Zumindest soviel Kraft, dass ich wieder ein paar hundert Meter laufen konnte. So wechselte ich immer zwischen Laufen und Gehen hin und her, wobei der Laufanteil immer länger wurde und ich bis zum nächsten Anstieg Richtung Champex Lac wieder ganz gut dabei war.

 

Wurzeln & Schlamm

Der Anstieg hoch nach Champex Lac war nicht wirklich schön. Die Strecke war sehr wurzelig und durch den Regen der letzten Tage sehr aufgeweicht, ausgetreten, matschig und rutschig. Ich sehnte mir die nächste Verpflegung herbei, diese war in meinen Vorstellungen schon so nahe aber in der Realität immer noch weit weg. So zog sich die Steigung für meine Empfindungen unendlich dahin. Endlich erreichte ich wieder eine Straße und ein paar Zuschauer riefen mir zu, dass es nicht mehr weit bis zum nächsten Checkpoint sei.

 

UTMB-Bierzeltstimmung in Champex Lac

Viele gut besetzte Biertischgarnituren, eine Kapelle mit Live-Musik, warmes Essen und eine fast schon ausgelassene Stimmung – so könnte man die Verpflegung hier bei km 123 beschreiben. Dass die Pause für viele Trailrunner hier etwas länger gedauert hat kann man schön an den Platzierungen sehen, die ich hier gutgemacht habe. Ich war auf Platz 253 angekommen und war bei der nächsten Zeitmessung in La Giète auf Platz 215, was im Rennverlauf auch meine beste Platzierung war.

Und schon wieder heiße Suppe…

In Champex Lac habe ich auch J&B angetroffen, die mir begeistert davon berichteten, dass ich im UTMB Gesamtklassement drittbester Deutscher sei und nur kurz vor mir der zweitbeste Deutsche die Verpflegung erreicht habe.

Trails nach Trient

Das hat mich ungemein motiviert und mir zumindest kleine Flügel verliehen. Die nächsten Kilometer waren demnach wieder etwas flotter als zuvor bis mich die nächste Steigung wieder ausgebremst hat. Anfangs war der Weg zwar steil aber trotzdem gut zu meistern. Ich überquerte einen Fluss wo ein Helfer vom Orgateam darauf aufpasste, dass auch jeder den Weg darüber fand.

Dann ging es weiter steil bergauf. Hier war ich sehr froh um meine Stöcke, die mir auf den glitschigen Passagen guten Halt gaben. Es ging hinauf und hinauf – keine Ende in Sicht. Und jeder Schritt kostete wegen den matschigen Passagen extra viel Kraft. Die nächste Zeitnahme war schon sehr kurios. In einem leeren, hunderte Jahre alten Kuhstall gab es Wasser und etwas Obst und man musste auf seinen Kopf aufpassen da der Türbalken sehr tief lag.

Von da an ging es hinab nach Trient. Aber bei mir war sprichwörtlich der Ofen aus. Meine Oberschenkel brannten höllisch und mir war es auf steileren Teilstücken kaum möglich ins Tal zu rennen. Ich fühlte mich wie eine Schnecke und viele Läufer zogen locker flockig an mir vorbei.

Ziemlich geschlaucht… Ankunft in Trient

Ich sehe Dinge die es nicht gibt

Endlich in Trient – und endlich gab es was Gutes zu trinken. Mein Mönchshof Alkoholfrei, das ich aus Deutschland zum UTMB mitgebracht hatte. Bis auf meine Oberschenkel ging es mir eigentlich noch gut. Auch vom Kopf her hatte ich keinen Durchhänger, keine Zweifel und war fokussiert auf das Ziel in Chamonix. Ein letzter Berg, dachte ich mir – und dann nur noch im Tal hinab ins Ziel (Anmerkung: Der Veranstalter hatte uns vor dem Start mitgeteilt, dass die Strecke auch am Ende um den letzten Anstieg gekürzt wird).

So machte ich mich nach ein paar Minuten auch gleich wieder auf den Weg und kämpfte mich durch den Wald den Berg hinauf. Es wurde wieder Nacht. Ich packte meine Stirnlampe aus und ging zügig weiter. Doch mit der Dunkelheit begann die geistige Müdigkeit. Ich sah Dinge die nicht wahr sein konnten. Das kannte ich ja vom AlpenX100 vom letzten Jahr und wusste, dass mich mein Verstand “verarschen” wollte. Diese Erfahrung im letzten Jahr gemacht zu haben half mir in der Situation. Ich sah Flugzeuge im Wald, die aber nur gefällte Bäume waren, Felsformationen waren für mich alles andere als Felsen. Das war schon crazy. Endlich war auch dieser Anstieg vorbei und es ging hinab ins Tal.

 

So einfach war es aber doch leider nicht. Die Strecke war super rutschig, matschig und einfach ekelhaft zu laufen. Und das mit meinen geschundenen Oberschenkeln noch dazu. Das war KEIN Vergnügen. Dabei hat es mich aber nur einmal schön geschmissen. Außer ein paar blutigen Fingern ist nichts passiert. Ich war mehr als froh, als ich “festen Boden” – also den Forstweg weiter unten erreichte. Von da aus war es auch nicht mehr wirklich lange bis zur nächsten Verpflegung in Vallorcine bei KM 150.

Erdnüsse und dunkle Schokolade

Da mir die Nudelsuppe mittlerweile zum Hals hinaus hing, probierte ich die Kombination Erdnüsse & Schoko. Gute Kombination – muss ich mir für die nächsten Läufe merken. “Jetzt nur noch den UTMB nach Hause laufen”, sagte ich mir und verließ nach wenigen Minuten auch wieder das Zelt um den letzten vermeintlichen moderaten Anstieg zum Col des Montets in Angriff zu nehmen. Die nächsten Kilometer gingen schnell vorbei, das Ziel stets vor Augen. Ich konnte zwar nicht rennen, aber Speedhiking könnte man es schon nennen. Ich war zumindest schneller als J&B dachten, die noch im Van saßen als ich an ihnen vorbeizog. Sie registrierten nur meine Rufe, aber da war ich auch schon wieder von der Straße weg und von der Dunkelheit verschluckt. Nur noch was um die 10 km, jetzt wollte ich die letzten Reserven angreifen und bis Chamonix nochmals Tempo machen.

 

Die Lichter gingen aus

Zumindest das Licht von meiner Stirnlampe war so schwach, dass ich kaum mehr etwas erkennen konnte. Also kurz Rucksack runter und die Ersatzlampe raus. Licht an und weiter. Wir wurden über die Straße über eine Brücke geleitet. Ein Deutscher hatte mich kurz zuvor wohl noch überholt, denn Jochen schrie “Komm, den packst du noch!”. Da wusste ich aber noch nicht was noch auf mich auf den letzten Kilometern zukam. Es ging steil hinauf. Immer weiter und weiter. Ich versuchte an der Dreiergruppe, die ca. 20 Meter vor mir lief dran zu bleiben. Doch als nach einiger Zeit ein knackiger Downhill folgte, wusste ich, dass ich mit meinen müden Beinen und meinen Problemen bergab zu laufen nicht folgen kann. Ich war mir sicher, dass ich jetzt einen Trail erreichen müsste, der mich bis nach Chamonix bringen würde.

 

Irrweg nach La Flégère

Ich war alleine. Ein Blick zurück – es war keine Stirnlampe weit und breit zu sehen. Ich folgte immer weiter den gelben Reflektoren, die von den Bäumen hingen und die Strecke markierten. Es ging wieder bergauf. Kann das sein? Wohin muss ich? Ich hatte keinen Plan. Es ging an Felsen vorbei – gefühlt immer im Kreis. Irgendwann blieb ich stehen. Hier war ich doch schon mal? Ich war irritiert – soll ich wieder zurück? In weiter Ferne sah ich aber wieder die Lichtkegel dreier Stirnlampen. Ein Gefühl der Erleichterung für mich, nicht mehr alleine sein zu müssen. Ich schloss mich also den dreien an, die auch nicht wussten, wo wir eigentlich hin mussten. Irgendwann erreichten wir dann die Baumgrenze und erreichten ein breites Geröllfeld. Die Fahnen die hier positioniert waren, waren nur schwer erkennbar da es inzwischen sehr neblig geworden war. Wir hielten den Kurs und erreichten nach einiger Zeit auch wirklich die letzte Verpflegung des Ultratrail du Mont Blanc: “La Flégère. Meine Stimmung war nicht sonderlich toll und ich habe mich über die Kommunikation des Veranstalters geärgert. Trotzdem war ich froh auf dem richtigen Weg zu sein.

 

The final Downhill

Jetzt nur noch bergab! Nur noch war gut, denn die Schmerzen in den Oberschenkeln waren eigentlich kaum mehr auszuhalten. Das bremste mich ungemein – zudem kam, dass ich im Nebel mit meiner Lampe keine 5 Meter sehen konnte. Der Downhill war nicht schön zu laufen. Oben die Skipiste nicht und unten das wurzelige Waldstück auch nicht. Nach einer Weile erreichte ich eine Forststraße, die immer stetig bergab führte. Ich vermutete aber immer eine Abzweigung nach links und weitere Trails bis ins Tal. Dem war aber nicht so. Der Weg bis nach Chamonix war die Forststraße. Viel Laufen ging nicht mehr. Erst als ich die Straßen von Chamonix erreichte wechselte ich wieder in den Laufschritt. Es fiel mir sehr schwer. Von der Atmung her aber auch von den Beinen. Es war mittlerweile 3 Uhr aber trotzdem waren noch vereinzelt Menschen am Wegesrand zu sehen und spendeten auf den letzten Metern Applaus. 200 Meter vor dem Ziel wartete auch Bart mit der GoPro in der Hand und begleitete mich durch die Stadt. Endlich kam der Augenblick, den ich bei so vielen Videos schon gesehen habe – der Zieleinlauf in Chamonix. Was für ein Lauf – Was für ein Abenteuer.

Der UTMB war geschafft!

Zieleinlauf beim UTMB

Vielen Dank an Jochen und Bart für die tolle Unterstützung bei Tag und Nacht, bei Regen & Schnee vom Start bis zum Ziel!

Statistiken

Die folgenen Screenshots habe ich von der Seite UTMB Live Seite entnommen.

Entwicklung der Laufgeschwindigkeit

 

Links

 


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4 Gedanken zu “UTMB 2017